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Fokus auf Kreativität & das „unperfekte“ Licht

Eine Vater-Tochter-Wanderung auf den Großen Königsstuhl – über den Wert des unvoreingenommenen Blicks und die Kunst, Motive im Detail zu entdecken.


Das Abenteuer: Wenn der Perfektionsdruck der Intuition weicht

Als Landschaftsfotograf ertappt man sich oft dabei, ein ganz bestimmtes Wunschbild im Kopf zu jagen. Ich bin in den vergangenen Jahren unzähligen solcher Stimmungsbilder gefolgt. Dank präziser Wetterbeobachtung und dem Abpassen der idealen Jahreszeit habe ich sie meistens auch genau so vorgefunden. Doch auf dieser Tour gehe ich diesen kalkulierten Erfahrungen ganz bewusst aus dem Weg und lasse mich komplett überraschen.


Das Ziel steht fest: der Große Königsstuhl (2.336 m ü. A.). Dieser markante Drei-Länder-Gipfel markiert den Punkt, an dem die Landesgrenzen von Kärnten, Salzburg und der Steiermark zusammentreffen. Ich habe dieses Gebiet bereits im tiefsten Winter kennengelernt. Die sanft geschwungenen Nockberge – von Einheimischen und Kennern liebevoll „Nocky Mountains“ genannt – üben sowohl auf Wanderer als auch auf Fotografen eine ganz besondere, fast zauberhafte Faszination aus. 

Dieses Mal bin ich jedoch nicht allein unterwegs. Meine 12-jährige Tochter Josephin begleitet mich. Natürlich weiß ich aus meinem Berufsalltag, dass ein gewisser Wettbewerbs- und Leistungsdruck beflügeln kann. Heute steht aber ganz klar das soziale Miteinander im Vordergrund. Und es kommt noch besser als gedacht: Nicht ich musste Josephin den Blick für das Wesentliche schärfen. Vielmehr war ihre unbedarfte Begeisterung für die Fotografie ein Anstoß für mich selbst, mich wieder an den eigentlichen Grund zu erinnern, warum ich einst den Beruf des Fotografen gewählt habe.

Trotz schwieriger Lichtbedingungen und kräftigem Wind auf den freien Flächen sind Josephin ausgesprochen gute Pflanzen- und Blumenbilder gelungen. Voller Stolz präsentiere ich daher hier auf unserem Österreich-Blog eine exklusive Blumengalerie: Made by Josephin.




Geologie, Klima und Naturraum: Das steckt in den Nockbergen

Um die Region rund um den Königsstuhl fotografisch zu verstehen, lohnt sich ein Blick unter die Oberfläche und in die Naturapotheke des Alpenraums:


Geologie und Bergbaugeschichte: Die Nockberge gehören erdgeschichtlich zu den ältesten Gebirgsformationen Österreichs. Hier in der Region Schönfeld/Innerkrems wurde über Jahrhunderte hinweg intensiv Eisenerz abgebaut. Das prägt die Landschaft bis heute sichtbar. Die Steine im Bachbett des Kremsbachs schimmern in einem intensiven Rostbraun. An mehreren Stellen treten Quellen zutage, die durch den hohen Eisengehalt tief rostrot gefärbt sind. Ein fantastischer Farbkontrast für Detailaufnahmen!


  • Wind, Wetter und Klima: Die Nockberge bilden ein meteorologisches Grenzgebiet. Durch die sanfte, kuppenartige Form der Berge (die sogenannten „Nocken“) pfeift der Wind ungehindert über die Kämme. Das Klima ist alpin-rau, aber die Täler sind geschützt. Das Wetter kann hier an heißen, schwülen Sommertagen extrem rasch umschlagen. Plötzliche Wärmegewitter auf den exponierten Höhenrücken sind keine Seltenheit.


  • Vegetation und Flora: Neben den dichten, urigen Zirben- und Lärchenwäldern in den tieferen Lagen besticht die alpine Tundra auf den Höhen durch eine enorme botanische Vielfalt. Berühmt ist die Region für den Echten Speik (Valeriana celtica), eine stark duftende Baldrianart. Nach der Schneeschmelze verwandeln sich die Almmatten in ein Meer aus Krokussen, Alpenglöckchen und Enzianen, die Josephin so meisterhaft mit der Kamera eingefangen hat.


  • Tierwelt: Der Biosphärenpark Nockberge ist ein streng geschütztes Rückzugsgebiet. Neben den allgegenwärtigen, pfeifenden Murmeltieren und stolzen Gämsen beheimaten die alpinen Rasenflächen auch seltene Reptilien. Auf unserer Tour haben wir direkt am Wegrand eine Höllenotter (eine pechschwarze Farbvariante der Kreuzotter) gesichtet – ein faszinierender, aber mit Vorsicht zu genießender Fotomoment.



2. Der Naturraum: Warum gerade dieser Ort deine Kreativität beflügelt

Manchmal sind es gerade die „unperfekten“ Bedingungen, die uns als Fotografen über uns hinauswachsen lassen. Aus diesen drei Gründen war die Wahl dieser Tour ein absoluter Glücksfall für die Bildgestaltung:


  • Die frische Schneeschmelze: Der Winterschnee war gerade erst abgeschmolzen. Ein klassisches, sattgrünes Postkartenmotiv, wie man es von den Nockbergen erwartet, bot sich uns daher nicht. Genau dieses Fehlen von gewohnten Mustern regt jedoch die visuelle Kreativität an. Man sucht automatisch nach minimalistischen Strukturen, statt die Standard-Landschaft abzulichten. 


  • Zeit als wichtigstes Werkzeug: Aufgrund der Länge der Rundtour hatten wir absolut keinen Zeitstress. Diese bewusste Entschleunigung gab uns viel Raum, um am Wegesrand innezuhalten, mit Perspektiven zu experimentieren und verschiedene Kameraeinstellungen auszuprobieren.


  • Sportlich einfach, fotografisch hochalpin: Aus sportlicher Sicht ist die Tour als einfach bis mittelschwer zu bewerten. Keine steilen Kletterpassagen, keine extremen Schlüsselstellen. Doch genau das macht sie aus fotografischer Sicht so hochinteressant: Man kann den Blick sicher schweifen lassen und die Konzentration voll auf den Kamerasucher richten, anstatt permanent auf den nächsten riskanten Tritt achten zu müssen.


3. Die harten Fakten: Deine Checkliste für den Großen Königsstuhl

Damit dein eigenes Fotoabenteuer im Drei-Länder-Eck reibungslos gelingt, findest du hier alle wichtigen Details zur Wanderung übersichtlich zusammengefasst. 


📋 Touren-Steckbrief (Erweiterte Königsstuhl-Runde)

  • Region & Lage: Biosphärenpark Nockberge, Salzburger Lungau / Kärnten (Start in Schönfeld bei Thomatal)

  • Reine Gehzeit: ca. 4 bis 4,5 Stunden (ohne ausgedehnte Fotopausen)

  • Streckenlänge: ca. 11,5 Kilometer für die gesamte Rundtour

  • Höhenmeter: ca. 620 Höhenmeter im Auf- und Abstieg

  • Höchster Punkt: 2.336 m ü. A. (Gipfel Großer Königsstuhl) 


⚠️ Anspruch & Ausrüstung

  • Schwierigkeit: Die Wanderung ist absolut familienfreundlich. Die alpinen Pfade und Wanderwege sind durchgehend hervorragend markiert und leicht zu erkennen. Eine solide Grundkondition reicht für die Bewältigung vollkommen aus. 

  • Ausrüstungstipp: Unbedingt knöchelhohe, feste Wanderschuhe mit gutem Profil tragen. Wegen der von uns gesichteten Höllenottern und zum Schutz vor scharfen Gräsern sind lange Wanderhosen im alpinen Gelände dringend empfohlen.

  • Bekleidung & Verpflegung: Das Wetter in den Bergen wechselt schnell. Packe wetterfeste Kleidung im bewährten Zwiebellook (inklusive Wind- und Regenschutz) ein. Eine Kopfbedeckung, Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor sowie ausreichend Flüssigkeit (mindestens 1,5 bis 2 Liter pro Person) gehören in jeden Fotorucksack.


🗺️ Sicherheit & Orientierung auf dem Weg

Der Aufstieg führt dich direkt vom Parkplatz an der urigen Dr. Josef-Mehrl-Hütte (1.730 m) über saftiges Almgebiet flach hinein in das wunderschöne Rosanintal (Weg Nr. 126). Vorbei an der Eßlalm geht es über eine erste Steilstufe hinauf zu einem malerischen Kar, in dem der Rosaninsee (2.057 m) eingebettet liegt – ein idealer Ort für eine erste Rast und Spiegelungsaufnahmen.

Hinter dem See folgt eine weitere kurze Steilstufe, die dich hinauf zur Königstuhlscharte und schließlich zum finalen Gipfelaufschwung leitet.


  • Wichtiger Sicherheitshinweis zum Gipfelbereich: Direkt im Gipfelbereich teilt sich der Pfad. Die linke Weggabelung verläuft direkt entlang der steilen Nordseite des Berges. Wer nicht absolut schwindelfrei ist, wählt hier unbedingt die rechte Weggabelung, die wesentlich sanfter über den Ostrücken zum Gipfelkreuz führt. Bitte halte direkt oben am Gipfel ausreichend Sicherheitsabstand zur Kante! Das Gipfelkreuz steht sehr nah am steilen Abgrund. Besonders im Winter und Frühjahr bilden sich dort tückische Schneewechten. Diese hängen freitragend über dem Abgrund und vergrößern den Standplatz optisch, bieten aber keinerlei Halt und können jederzeit abbrechen.


💡 Mein Extratipp für ambitionierte Wanderer

Wenn du die Tour ausdehnen möchtest, kannst du den Rückweg zu einer großen, lohnenden Gratüberschreitung ausbauen. Folge dafür vom Gipfel dem Weg Nr. 125 über die Frischenhalshöhe (mit Blick auf den Frischenhalssee). Wandere weiter über den sanften Kamm zum Seenock, vorbei am Vogelsangberg, über das Sauereggnock und das Stubennock. Von dort führt dich der historische Knappenweg steil, aber sicher, direkt zurück zum Ausgangspunkt an der Mehrlhütte. 


Fokus auf Kreativität & das „unperfekte“ Licht

Landschaftsfotografie in Schwarz-Weiß: Schmelzwassersee in den Nockbergen, Wolkenhimmel und Spiegelung des Gipfels Großer Königsstuhl.
Dramatik in Schwarz-Weiß: Der Rosaninsee im Bann der Schneeschmelze, während sich der markante Gipfelaufschwung des Großen Königsstuhls im klaren Wasser spiegelt. Foto: Gerald Reiter

4. Der fotografische Funke: Die Kunst des Sehens bei schlechtem Licht

Diese Tour möchte ich all jenen widmen, die den Mut haben, neue fotografische Wege abseits des klassischen Postkartenwetters zu gehen. Wenn sich der Himmel einmal komplett dicht bewölkt zeigt, sich die Bergwelt in milchigen Farben präsentiert und der Landschaft die harten Kontraste fehlen, schlägt die Stunde der wahren Kreativität. Genau dann sind deine Vorstellungskraft und dein geschulter Blick gefragt!


Als Berufsfotograf bin ich oft engen Vorgaben unterworfen. Ich muss für die Tourismuswirtschaft und Verlage makellose, sonnendurchflutete Hochglanzbilder für deren Kataloge liefern. Doch in meiner Freizeit als freier Fotograf genieße ich die absolute Freiheit, genau das abzulichten, was mich im Moment berührt.

Wenn das große Panorama im Dunst verschwindet, richte deinen Blick nach unten. Suche nach den kleinen Wundern: filigrane Flechten auf rauem Urgestein, leuchtendes Moos im feuchten Kar oder ungewohnte Makroperspektiven direkt am Boden. So schaffst du dir deine ganz eigene visuelle Welt. Es ist eine Welt, die im Kleinen die Jahrmillionen alte Geschichte unserer Erde in sich trägt. Genau hier beginnt die wahre Kunst der Fotografie – ein fortwährender Prozess des Lernens, Verstehens und Sehens. Die Natur ist eine unendliche Welt voller Inspiration und das pure Wunder Leben.



5. Jetzt bist du dran!

Welche Erfahrungen hast du gemacht, wenn das Wetter am Berg einmal nicht mitspielt? Packst du die Kamera frustriert ein oder fängst du dann erst recht an, nach den spannenden Details am Wegesrand zu suchen?

Schreib es mir unbedingt unten in die Kommentare! Ich freue mich riesig auf deine Gedanken, deine Fragen zu dieser Route und auf deine eigenen Berichte von deinen Foto-Wanderungen in den Alpen.


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